Ferien einmal anders

Mit dem Schweizer Bauorden in Rumänien (Alesd, 17. Juli bis 30. Juli 2011)

Schon seit gut zwei Stunden schaufelt der Informatiklehrling Samuel an diesem Morgen einen gut 50 cm tiefen Graben im Hinterhof eines heruntergekommenen Gebäudes. Sein Kollege Andreas, Logistiklehrling bei den SBB, lässt derweil den Pickel ins Erdreich sausen, um den Boden etwas aufzulockern. In Reichweite macht sich der Maschinenbaustudent Pius daran, mit einer Trennscheibe Armierungseisen zuzuschneiden. Zusammen mit 16 anderen Jugendlichen aus dem Raum Zürich nehmen die drei teil an einem zweiwöchigen Baulager in Ale?d, einer Kleinstadt im Nordwesten von Rumänien, gut 50 km östlich der ungarischen Grenze. Organisiert wird das Lager vom Schweizer Bauorden, der mit diesen freiwilligen Helfern ein Projekt des lokalen Pfarrers unterstützt. Ziel ist es, innerhalb von drei Jahren ein unter dem Kommunismus enteignetes und später in baufälligem Zustand wieder zurückerstattetes Gebäude wieder so herzurichten, damit dort einst Jugendliche aus entfernten Dörfern untergebracht werden und eine weiterführende Schule oder Berufsausbildung besuchen können.

Da keiner der Schweizer Jugendlichen im Baugewerbe tätig ist, besteht deren Aufgabe hauptsächlich aus Hilfsarbeiten. Mit Pickel und Schaufel heben sie 200 Meter Gräben aus und verlegen Sickerleitungen, um den schweren Boden zu entwässern und das Mauerwerk zu schützen. Damit dieses ambitiöse Ziel auch erreicht wird, ist auch Hans Burch mit dabei und leitet die tatkräftige Truppe an. Schon seit Beginn der 90er Jahre betreut der pensionierte Ingenieur aus Sarnen Projekte in dieser Gegend und kennt daher auch die logistischen Tücken solcher Unternehmungen. Seit der Ankunft der Schweizer Gruppe ist er vor allem darum besorgt, das nötigte Baumaterial zu organisieren, Ersatz für zerbrochenes Werkzeug zu finden, daneben misst er Gefälle und überwacht die Produktion von Sickerrohren, da man diese hier nicht kaufen kann. Verschiedentlich fährt er auch in die nahe gelegene Stadt Oradea, um dort das benötigte Material aufzutreiben. Trotz vorgängiger Abklärungen und Zusicherungen gibt es aber auch für einen „alten Hasen“ wie Burch immer wieder Überraschungen. Wenn Schotter beispielsweise nicht wie vereinbart am gewünschten Tag angeliefert wird, kann dies den ganzen Einsatzplan durcheinander bringen.

Alljährlich organisiert der Internationale Bauorden (IBO) für gut 2500 junge Erwachsene solche Lager, um Gemeinschaftseinrichtungen und Wohnhäuser für Bedürftige zu errichten oder zu renovieren. In den letzten Jahren betreuen die Gruppen auch vermehrt Behinderte und Notdürftige. Gegründet wurde der Bauorden 1953 vom holländischen Ordensmann Werenfried van Straaten, um in den Nachkriegsjahren Studenten zu motivieren, Flüchtlingen und Vertriebenen beim Bau von Eigenheimen zu helfen. Seither haben europaweit über 350‘000 Freiwillige einen solchen Einsatz geleistet. Neben bunt zusammengewürfelten Gruppen, bei denen man sich zuvor nicht persönlich kennt, verbringen gelegentlich auch Sanitär- oder Dachdeckerlehrlinge einen Teil ihrer Ferien, um beispielsweise in einem osteuropäischen Kinderheim fachmännisch Toiletten und Duschen zu reparieren oder ein Dach abzudichten. Gemäss Urs Bachmann, dem Verantwortlichen für die Koordination der Gruppen aus der Schweiz, sind die Rückmeldungen der Beteiligten trotz materieller Unannehmlichkeiten durchweg positiv. Die gemeinsame Arbeit für einen guten Zweck schweisse zusammen und schaffe hohen Erlebnis- und Erinnerungswert. Jährlich verpflichten sich ca. 30 Schweizer für einen solchen Einsatz. Über mehr Freiwillige würde man sich sehr freuen. Besonders willkommen sind jeweils Leute mit bauspezifischen Kenntnissen wie Handwerker oder Ingenieure; aber auch für Ungelernte findet man immer eine passende Einsatzmöglichkeit. Die Auslagen für Unterkunft und Verpflegung übernimmt normalerweise der Bauorden. Ein Teil der Reisekosten muss allerdings von den Teilnehmern selbst entrichtet werden. Ein Freiwilliger verpflichtet sich im Gegenzug während zwei bis drei Wochen zu mindestens 7-8 Stunden täglicher Arbeit unter teils schwierigen Umständen. Unterkunft und Verpflegung sind meist einfach und bisweilen gewöhnungsbedürftig –  Die Kuttelsuppe sorgt bei den Jugendlichen der Gruppe aus Zürich jedenfalls für einige Erheiterung. Der Bauorden finanziert sich ausschliesslich über private Spenden und Legate. Gegenwärtig beträgt das Budget jährlich gut Fr. 350‘000.-, welches dank minimalen administrativen Aufwands vollumfänglich den Projekten zugutekommt.

Die körperliche Anstrengung der vergangenen Stunden hat dem Sekundarschüler Andreas ziemlich zugesetzt, obwohl er dies selbstverständlich nur ungern zugibt. Unzählige Schubkarren Beton hat er in den vergangenen Stunden zum künftigen Schlammsammler gestossen. Umso willkommener sind daher die leckeren Kuchen, die der Pfarrer zum Znüni auftischt. Die Stärkung lässt Schweiss und Muskelkater für einige Momente vergessen; man scherzt und kichert. Nach der Pause macht sich der Mittelschüler Raphael daran mit einem Hilti-Bohrer, die Zuleitung in die örtliche Kanalisation zu öffnen. Die Arbeit mit dieser Maschine bereitet ihm offenkundig Freude, auch wenn bei diesen Erschütterungen trotz Handschuhen Schwielen unvermeidlich. Im Hintergrund dröhnt derweil erneut der Betonmischer, damit die Schlammgrube noch vor Arbeitsschluss betoniert werden kann. Für die richtige Betonmischung sind Miroslav und Oliver verantwortlich, zwei Jugendliche aus der Pfarrei, die tatkräftig mitarbeiten und mit denen man sich halb auf Englisch halb mit Händen und Füssen unterhält. Der kulturelle Austausch ist ein erklärtes Ziel der Freiwilligenarbeit des Bauordens. Dieser Aspekt geht zurück auf die Gründungsjahre nach dem 2. Weltkrieg, als man mit den Baulagern vor allem auch die Versöhnung einst verfeindeter Nationen fördern wollte. Nach getaner Arbeit steht daher für die Unentwegten noch einen Fussballmatch Schweiz-Rumänien auf dem Programm, der von den Gästen knapp gewonnen wird. Selbstredend ist auch der Austausch von E-Mailadressen und digitaler Nutzerprofile. Nach der Rückkehr wird so wohl manch ein Jugendlicher aus Zürich über Facebook mit den neu gewonnenen Freunden aus Rumänien in Kontakt bleiben.

Der Vergleich mit den Umständen in Zürich und die oft schockierende Armut sind für alle Teilnehmer überraschend. Die Erkenntnis, dass man als Lehrling in der Schweiz mehr verdient als ein durchschnittlicher rumänischer Arbeiter mit Familie führt denn auch zu einigen Diskussionen. Die Zigeunersiedlung am Rande des Dorfes und die dort herrschenden hygienischen Zustände stimmen die Jugendlichen ebenfalls nachdenklich und schärfen das Bewusstsein für die eigene materielle Situation und die beruflichen Perspektiven.

Über das Wochenende wird jeweils nicht gearbeitet. Einerseits erholt man sich von den Strapazen und besucht die Sehenswürdigkeiten der Gegend. Die Gruppe aus Zürich fährt daher in die nächst grössere Stadt Oradea, um dort die Bauten der Donaumonarchie zu bestaunen. Das kulturelle Interesse an historischen Zusammenhängen stösst jedoch schon bald an seine Grenzen, zu stark sind nämlich die kulinarischen Verlockungen von Pizza und Bier.

Lukas Wick, Teilnehmer

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